
Google-Headquarter als Fuchs-Bau
Googles Landscraper ist eines der ersten großmaßstäblichen Net-Zero-Carbon-Büros in UK. Bereits jetzt gilt das Projekt als Meilenstein der Unternehmensarchitektur: ein Hybrid aus Arbeitsplatz, Campus und Stadtlandschaft. Der Haken: Es ist noch nicht fertig.
Gut Ding braucht Weile, heißt es. Im Londoner Stadtteil King’s Cross nähert sich der Bau eines Mega-Projekts seinem Ende. Wann genau die Fertigstellung sein wird, ist allerdings noch ungewiss – und das, obwohl bereits 2018 Baubeginn war. Die grünen Dachgärten jedenfalls werden bereits bewohnt: Von Stadtfüchsen. Wegen der mehrmaligen Verzögerungen haben sie das Areal schon vor längerer Zeit für sich entdeckt.
In jeder Hinsicht ambitioniert
Die Rede ist vom neuen London-Hauptquartier von Google. Es wird das erste vollständig von Google in Eigenbesitz geplante Bürogebäude außerhalb der USA. Und es wäre nicht Google, wäre das Projekt nicht ein besonders eindrucksvolles architektonisches Vorhaben. Das ist es gleich in mehrerlei Hinsicht: Enorme bauliche Dimension, ambitionierte Nachhaltigkeitsziele, ein anspruchsvolles urbanes Umfeld sowie hohe Anforderungen an Materialien, Technik und Flexibilität.

Diese Kombination erklärt auch, warum sich die Realisierung zieht… und zieht. Die ursprünglichen Pläne für das Google-Objekt reichen bis ins Jahr 2015 zurück. Den Erstentwurf von Allford Hall Monaghan Morris (AHMM) hat Google verworfen – er schien „nicht ambitioniert genug“. Daraufhin hat man auf das Heatherwick Studio im Doppelpack mit der renommierten BIG – Bjarke Ingels Group gesetzt – und sie mit dem radikal neuen Konzept eines horizontalen „Landscrapers“ statt eines Hochhauses beauftragt.
Länger als der Varso Tower
Und so entsteht auf dem 1,1 Hektar großen Grundstück, das sich Google vor mehr als zehn Jahren im Areal zwischen King’s Cross und St Pancras gesichert hat, ein Bürogebäude mit einer Länge von 330 Metern. Das Objekt ist damit nicht nur länger als der höchste Wolkenkratzer Großbritanniens, das berühmte von Renzo Piano entworfene Mixed-Use-Gebäude „The Shard“, was auf Deutsch so viel wie Glassplitter heißt. Google’s neues Office ist sogar auch eine Spur länger als das von Foster + Partners entworfene höchste Gebäude der EU, der Varso Tower, der 310 Meter hoch in den Himmel ragt.
Das Dreamteam BIG/Heatherwick ist übrigens auch beim 102.000 Quadratmeter großen Google-Komplex in Mountain View, dem 2022 fertig gestellten Bay View Campus, zum Zuge gekommen.
Landscraper: Alle London-Teams unter einem Dach
Ziel des neuen europäischen Headquarters war, alle Londoner Google-Teams unter einem Dach zu vereinen. Der Standort liegt innerhalb der großangelegten King’s Cross Central Development. Den Masterplan haben Allies and Morrison und Porphyrios Associates für den Developer Argent LLP erstellt. Es ist mit Sicherheit eines der nachhaltigsten Stadtquartiere Europas.


Im Umfang und in der Komplexität liegen die Ursachen für die lange Baudauer. Allein die Länge plus die vorgesehenen Sondernutzungen und die unmittelbare Nähe zu stark genutzten Bahnlinien stellten das den Bau leitende Consultingunternehmen BDP sowie die Statiker von AKT II von vornherein vor erhebliche logistische und konstruktive Herausforderungen.
Verzögert mit der Zeit gehen
Zudem enthält das Projekt viele „maßgeschneiderte“ Bauteile und Fassadenlösungen sowie komplexe Struktur- und Tragwerkssysteme. Gerade große Fassadenelemente müssen unter erschwerten Bedingungen montiert werden. Auch wurden – wie bei vielen Großprojekten – Änderungen im Entwurf und technische Anforderungen im Laufe der Zeit ergänzt oder neu definiert.
Zumal sich Google bei den Zielen bezüglich Zukunftsfähigkeit nicht lumpen lässt. Das Gebäude soll modernste Nachhaltigkeit mit regenerativer Haustechnik sowie ein menschenzentriertes Design in Einklang bringen. Und der elfstöckige Neubau wird den Mitarbeitenden einiges bieten: Über das klassische Büro hinaus beinhaltet das Bauvorhaben viele Freizeit-, Sport- und Gemeinschaftsbereiche.
Den später dort arbeitenden 7.000 Menschen werden ein 25-Meter-Schwimmbecken, eine Sporthalle mit Basketballplatz, ein Fitnessbereich Nap-Pods zum Entspannen sowie eine Laufstrecke zur Verfügung stehen. Und natürlich der Dachgarten mit weitläufig begrünten Dachterrassen.
Mit hunderten von Bäumen auf vier Etagen und der Laufbahn stellte sich Star-Designer Thomas Heatherwick diesen Garten als Zufluchtsort nicht nur für die Belegschaft des Tech-Giganten vor, sondern auch für Fledermäuse, Bienen, Vögel und Schmetterlinge. Im Moment jedoch tollen ganze Kolonien von Stadtfüchsen auf den gepflegten Terrassen. Einem Google-Sprecher zufolge sind die dadurch verursachten Schäden minimal. Laut Zeitungsberichten durchwandern die Füchse jedoch alle Stockwerke.
Noch mehr Ungemach
Die Sichtung der Stadtfüchse im Gebäude soll allerdings nicht das einzige Problem sein, mit dem das Bauvorhaben zu kämpfen hat. Im „The Telegraph“ war zu lesen, dass die Holzböden kürzlich so stark mit Regenwasser durchtränkt waren, dass sie komplett saniert werden mussten. Und so bleibt die Eröffnung des kostspieligen Landscrapers – das Investitionsvolumen wurde nie bestätigt, wird aber auf weit über eine Milliarde Pfund geschätzt – ein Geduldspiel. Bauarbeiter vor Ort gehen von 2026 aus.
Auch externe Faktoren und globale Effekte der letzten Jahre wie die Lieferkettenprobleme infolge der Corona-Pandemie, der Inflationsdruck und Baukostensteigerungen sowie Arbeitskräfte-Engpässe wirkten erschwerend.
Nach seiner Fertigstellung wird der Landscraper mit 93.000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche, wovon Google an die 60.000 Quadratmeter okkupieren wird, Teil eines größeren Google-Campus in der Gegend sein. Zu diesem werden auch zwei weitere nahe gelegene Gebäude gehören.

Die Masterplanung von King’s Cross geht laut RIBA Journal, der offiziellen Publikation des Royal Institute of British Architects, davon aus, dass die meisten Neubauten des Stadtviertels einen Zertifizierungsgrad von „BREEAM Outstanding“ erfüllen dürften. Dies strebt Google mit dem Landscraper auf jeden Fall an, ebenso wie das Nachhaltigkeitssiegel „LEED Platinum”.
Beim BREEAM-System der British Research Establishment Environmental Assessment Methodology wird der ökologische Abdruck über die gesamte Lebensdauer untersucht – von der Herstellung über Transport, Einbau, Nutzung, Wartung bis hin zur Entsorgung. Bei der Wertung „Herausragend“ müssen die Kriterien zu zumindest 85 Prozent erfüllt werden.
Auf dem Dach liefern PV-Flächen einen Jahresertrag von rund 20 Mwh. Die Dachgärten dienen selbstverständlich der Regenwasserrückgewinnung. Energieoptimierte Gebäudeautomation soll ebenfalls dafür sorgen, dass die Nachhaltigkeitsziele erreicht werden. Ein klares Statement hin zu umweltfreundlicher Mobilität besteht darin, dass laut Entwurfsbeschreibungen sind fast 700 Fahrradstellplätze vorgesehen sind – aber lediglich vier Auto-Parkplätze.
Rekordverdächtige Fassade
Zu den innovativen Merkmalen des Landscrapers zählt weiters die vermutlich größte Holz- und Glasfassade der Welt. Die Holzverbundelemente aus modifiziertem Accoya-Holz gelten als sehr feuerfest, sie behalten ihre strukturelle Integrität auch bei hohen Temperaturen. Die verglasten Platten der Fassade sind teils zehn Meter hoch. Weitere Glaselemente sind Balustraden und Oberlichter.

Die Nähe zu den Bahngeleisen erforderte eine eigene Strategie für die Installation der großformatigen Verglasung. Es galt unnötige Gefahren zu vermeiden, die auch darin bestanden, dass die Zugführer geblendet sein könnten. Daher mussten Materialien und Beschichtungen mit reduzierter Reflektivität ausgewählt werden.
Hängende Stockwerke
Ein weiteres interessantes – strukturelles – Merkmal des Landscrapers ist, dass einige Stockwerke an den tragenden Decken hängen. Sie vermitteln so ein Gefühl von Leichtigkeit und Raum. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die positive Seite des Mega-Projekts wohl in der ambitionierten Architektur und Nachhaltigkeit liegt. Die Kehrseite ist: Viel Sonderentwicklung, hoher Koordinationsaufwand, schwierige Bedingungen und hoher Anspruch – was zwangsläufig zu längerer Bauzeit führt. Die Füchse freut’s. Es heißt, dass man sie bislang nicht einfangen konnte.
Text: Linda Benkö
Fotos: The wub, dezeen, BIG/Heatherwick, AKTII, Iwan Baan
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